„Pruzzenland“. Neue Wege in ein fast vergessenes Land ist eine didaktisierte digitale, multilinguale Quellen-Sammlung, die sich an Schülerinnen und Schüler von ca. 14 bis 18 Jahren richtet, die an Geschichte besonders interessiert sind.

Entstehungsgeschichte

Am Anfang standen Schulbücher. Das Georg-Eckert-Institut – Leibniz-Institut für internationale Schulbuchforschung in Braunschweig hat zusammen mit dem Institut für Geschichte und internationale Beziehungen an der Ermländisch-Masurischen Universität in Olsztyn in einem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und dem polnischen Wissenschaftsministerium geförderten Projekt eine Analyse von Schulbüchern zum ehemaligen Ostpreußen als geteilter Erinnerungsregion durchgeführt (Das >Pruzzenland< als geteilte Erinnerungsregion). Gegenstand war eine Region im nordöstlichen Europa, die von vielfältigen kulturellen und multiethnischen Tradi­tionen, aber auch von konkurrierenden nationalen Ansprüchen gekennzeichnet ist. Bei Deutschen heißt sie „Ostpreußen“, in Polen „Ermland und Masuren“ (Warmia i Mazury), in Litauen „Memelland“ (Klaipėdos kraštas) oder „Klein-Litauen“ (Mažoji Lietuva) und in Russland „Gebiet Kaliningrad“ (Oblast‘ Kaliningrad). Ist damit aber auch immer dasselbe gemeint? Eine mögliche Antwort gibt es unter Wo liegt das „Pruzzenland“.

In einem ersten Schritt ging es um eine international vergleichende Analyse von Erinnerungskulturen und Identitätskonstruktionen im Medium Schulbuch für die vier Länder Deutschland, Polen, Litauen und Russland vom Anfang des 20. Jahrhunderts bis zur Gegenwart. Das „Pruzzenland“-Projekt beschäftigte sich dabei weiterführend mit der Frage, welches Potenzial einer solchen multikulturellen, staatliche Grenzen überschreitenden Region für eine neue Erzählung europäischer Geschichte zukommen kann.  

In einem zweiten Schritt nahm sich das Projekt der Herausforderung eines Transfers wissenschaftlicher Erkenntnis in die Bildungsöffentlichkeit an und begann mit der Arbeit an einer grenzüberschreitenden, mehrsprachigen, didaktisierten digitalen Quellen-Sammlung für Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufe II in Deutschland, Polen, Litauen und Russland.

Themen

Die digitale Quellen-Sammlung präsentiert das „Pruzzenland“ in zehn verschiedenen Themen. Die Themen sind struktur- und kulturgeschichtlich und überwiegend nicht-national und nicht-ethnisch konnotiert. Dort, wo auf nationale und ethnische Deutungsmuster Bezug genommen wird, geschieht dies im Bewusstsein, dass langjährig wirksame Narrative nicht ignoriert, sondern einer kritischen Analyse und Dekonstruktion unterzogen werden sollten.

Die Themen ergaben sich teils aus der oben genannten vergleichenden Schulbuchanalyse, teils wurden sie in enger Anlehnung an aktuelle allgemeine Fragestellungen in den Geschichts- und Kulturwissenschaften gewählt: 1) Pruzzen, 2) 1410, 3) Migration, 4) Glaube, 5) Persönlichkeiten, 6) Lebenswelten, 7) Stadt, Land, Fluss, 8) Frauen und Männer, 9) Freiheit und 10) Juden. Diese Auswahl von Themen greift für das „Pruzzenland“ nicht selten bisherige „Leerstellen“ in den Schulbuchdarstellungen und sogar in der historischen Forschung auf, daher besitzt die vorliegende, didaktisierte digitale Quellen-Sammlung einen über bisherige Narrative und Deutungstraditionen hinausweisenden, innovativen Gehalt.

Bis auf die Themen Pruzzen und 1410 wird in der vorliegenden Quellen-Sammlung die Zeitgeschichte stärker als in vielen Gesamtdarstellungen zum „Pruzzenland“ bislang üblich berücksichtigt. In Deutschland hatte sich lange Zeit die historiographische Gewohnheit verbreitet, die Geschichte des „Pruzzenlandes“ als Geschichte des Verlustes einer deutschen Region zu schreiben; das Narrativ endete damit in der Regel mit dem Jahr 1945. In Polen, Litauen und Russland war in kommunistischer Zeit die Beschäftigung mit regionaler Geschichte marginalisiert, erst mit der politischen Wende konnten wissenschaftliche und zivilgesellschaftliche Akteure die regionale Kultur, Literatur und Geschichts­schreibung aus einer zentra­listi­schen und dominant nationalen Sichtweise in eine neue, vielschichtige Wahrneh­mung des multi­ethnischen Erbes der Region überführen. Für das „Pruzzenland“ sind beispielhaft die Kulturgemeinschaft „Borussia“ in Olsztyn mit ihrem Motto des „offenen Regionalismus“ oder das Oral History-Projekt von Jurij W. Kostjašov zu den Erfahrungen der Neusiedler im Gebiet Kaliningrad nach 1945 zu erwähnen. Für das Memelland haben litauische Historiker in den letzten Jahren eine Reihe eindrucksvoller Fotografienbände zur Geschichte des 20. Jahrhunderts veröffentlicht. Eine Darstellung, die die Zeit nach 1945 für das gesamte „Pruzzenland“ ausführlich berücksichtigt, hat jüngst der polnische Soziologe Andrzej Sakson vorgelegt.

In der vorliegenden Quellen-Sammlung finden sich zwischen den zehn Themen mehrfach Berührungspunkte, manchmal auch Überschneidungen. So orientiert sich das Thema Juden an allen Dimensionen jüdischen Lebens und historischer Erfahrungen, während Glaube hierbei nur eine Komponente darstellt. Umgekehrt nimmt das Thema Glaube die Pluralität und Diversität religiösen Lebens in der Region in den Blick. Ähnlich verhält es sich mit dem Thema Lebenswelten, das mit Bezug auf vormoderne Zeiten verstärkt den Umgang mit Natur umfasst, während das Thema Stadt, Land, Fluss immer auch den handelnden und deutenden Menschen berücksichtigt.

Die didaktisierte digitale Quellen-Sammlung unterbreitet ein wis­sen­schaftlich reflektiertes, anschaulich um zehn Themen gruppiertes Ange­bot neuer Sicht­wei­sen auf die Geschichte der Region. Dies wäre nicht möglich ohne Quellen, die originelle, beziehungs- und verflechtungsgeschichtliche, zumindest aber zu den etablierten nationalen Narrativen gegenläufige Sichtweisen erkennen lassen.

Quellen

Die zehn Themen sind so gestaltet, dass sie deutsche, polnische, russische und litauische Perspektiven möglichst gleichberechtigt einschließen. Bei einigen Themen wie JudenLebenswelten oder Stadt, Land, Fluss überwiegen nicht-national oder nicht-ethnisch zuordenbare Quellen.

Das hier sichtbar werdende Auswahlprinzip der Quellen ist eine Antwort auf die lange Zeit in Historiographie und Schulbüchern übliche Herangehensweise, die eigene nationale Perspektive zu verabsolutieren. Die Frage, welche national oder ethnisch identifizierbaren Akteure zu welchem Zeitpunkt wieviel Einfluss auf die Geschichte des „Pruzzenlandes“ gehabt haben, ist ohnehin nicht eindeutig zu beantworten. So wies bereits der Historiker Hartmut Boockmann darauf hin, dass es ein Anachronismus sei, Nationalitätenverhältnisse aus den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg umstandslos auf frühere Zeiten zu projizieren.

Die Quellen-Sammlung umfasst insgesamt rund 120 Quellen, etwa zwölf je Thema. Dabei kommen verschiedene Quellengattungen zur Verwendung: Texte, Bilder, Karten, Audio-Dateien und Videos. Eine Besonderheit der vorliegenden Quellen-Sammlung ist, dass auch Texte, Karten oder Bilder aus Schulbüchern als Quelle behandelt werden. Hier kommt der historisch-kulturwissenschaftliche Forschungsansatz des Georg-Eckert-Instituts – Leibniz-Instituts für internationale Schulbuchforschung zum Zuge, demzufolge Schulbücher als Gegenstand und Spiegel von Erinnerungskulturen und Identitätskonstruktionen fungieren.

Die Zusammenstellung der Quellen erfolgte aus Bibliotheken, Archiven und Museen, aus Schulbüchern, gedruckt vorliegenden Quellen-Editionen sowie aus dem vielfältigen und für Schülerinnen und Schüler attraktiven und naheliegenden Internetangebot, das allerdings einer aufmerksamen wissenschaftlichen und didaktischen Bewertung und Einordnung bedarf.

Die vorliegende digitale Quellen-Sammlung verfolgt nicht den Anspruch, einen bestimmten Quellen-Korpus möglichst vollständig zu dokumentieren, so wie dies für wissenschaftliche Quellen-Editionen gilt. Ziel ist es vielmehr, Impulse für die vergleichende, multiperspektivische und verflechtungsgeschichtliche Beschäftigung mit einer multiethnischen Region in Europa zu geben. In diesem Sinne ist die „Pruzzenland“-Webseite auch nicht als ein abgeschlossenes, statisches Werk zu betrachten, sondern als eine Einladung an alle Interessierten, durch Kommentare, Anregungen und Hinweise auf weitere Quellen an der Weiterentwicklung der digitalen Quellen-Sammlung mitzuwirken.

Multilingualität

Sämtliche Quellen wurden digitalisiert und in den Sprachen Deutsch, Polnisch, Russisch und Litauisch durch Übersetzung zugänglich gemacht. Die Multilingualität der vorliegenden Quellen-Sammlung ist eines ihrer herausragenden Merkmale und verleiht ihr im deutschen, polnischen, litauischen und russischen Bildungsmedienangebot einen bislang noch seltenen Charakter.

Bei der Erstellung der einzelnen Sprachversionen war eine große Herausforderung zu meistern: Eine Quelle, ein Kommentar oder ein Einleitungstext konnte mit den darin anklingenden Sachverhalten und Sichtweisen für die Schülerinnen und Schüler eines Landes bekannt oder gar selbsterklärend erscheinen, während für die Schülerinnen und Schüler der jeweils anderen Länder Erläuterungen und Kontextualisierungen vorzunehmen waren. Das Phänomen, dass Übersetzungen nicht allein eine philologische Herausforderung sind, sondern sehr viel grundsätzlicher die Frage zu beantworten ist, wie sich angesichts unterschiedlicher historischer und kultureller Erfahrungen bestimmte Werte und Begriffe in die kulturelle und politische Sprache anderer Länder übertragen lassen, wird seit einigen Jahren unter dem Stichwort „Kulturelle Übersetzungsprozesse“ in den Geistes- und Kulturwissenschaften intensiv diskutiert. Vor diesem Hintergrund kommt der Übersetzungsleistung für die digitale Quellen-Sammlung besondere Bedeutung zu. Die drei Übersetzerinnen verfügen nicht nur über eine historische Ausbildung, sondern haben auch selbst Forschungsarbeiten zu Erinnerungskulturen, Identitätskonstruktionen und Repräsentationen von Geschichte vorgelegt.

In der praktischen Umsetzung der Überlegungen zu „kulturellen Übersetzungsprozessen“ wurde für die digitale Quellen-Sammlung ein eigener Weg gefunden. Den Schülerinnen und Schülern in Deutschland, Polen, Russland und Litauen liegt gemeinsam der gesamte Bestand an Quellen und begleitenden Texten vor. Die begleitenden Texte enthalten an einzelnen Stellen notwendige Kontextualisierungen. Die Möglichkeit, dass Schülerinnen und Schüler bei ihrem Surfen über die Quellen und Texte andere als die gewohnten Sichtweisen kennenlernen, bleibt dabei bestehen und ist ausdrücklich erwünscht. An mehreren Stellen der Quellen-Sammlung begegnen die Schülerinnen und Schüler ohnehin einer anderen Sprachversion: So bei Videos und Karten, die in der jeweiligen Originalsprache belassen wurden und für die dann eine Transkription bzw. Kartenlegende in Übersetzung vorliegen. Und ganz grundsätzlich bietet das digitale Format der Quellen-Sammlung den Vorzug einer selbstbestimmten Handhabung, die den raschen Wechsel zwischen den Sprachversionen Deutsch, Polnisch, Russisch und Litauisch erlaubt.

Didaktische Bedeutung

Die Geschichte des „Pruzzenlandes“ ist kein curricularer Stoff, weder in Deutschland und Polen noch in Litauen und Russland. In vielen europäischen Bildungssystemen ist die Regionaldidaktik curricular nur wenig verankert und dann allenfalls in einer geringen Stundenzahl. Positiv gewendet, entstehen dadurch aber Freiräume für innovative didaktische Angebote, die in explorativer Weise Potenziale für eine neue Erzählung europäischer Geschichte ausloten können.

Die vorliegende didaktisierte digitale Quellen-Sammlung richtet sich an Schülerinnen und Schüler im Alter von ca. 14 bis 18 Jahren, die an Geschichte besonders interessiert sind und die die Webseite zur Vorbereitung von Referaten, Fach- und Projektarbeiten, Wettbewerbsbeiträgen, Exkursionen und Klassenfahrten nutzen möchten.

Jedes Thema wird mit einem Text eingeleitet, der aktuelle Forschungserkenntnisse aufgreift, und jede Quelle wird mittels eines Kommentars historisch bzw. methodisch kontextualisiert. Zum didaktischen Apparat der Quellen-Sammlung gehören Arbeitsanregungen zu den einzelnen Quel­len („Aktiv werden“), ein alphabetisch und nach Materialart sortierbarer Index sowie eine Zeitleiste. Eine Suchfunktion wurde nicht eigens eingerichtet, da die erwartete Nutzung der Webseite durch die Schülerinnen und Schüler mehr auf ein Browsen, Surfen und Erkunden der Quellen gerichtet ist als auf eine gezielte Detailsuche, wie sie eher für wissenschaftliche Quellen-Editionen benötigt wird.

Dank

Die Erstellung der didaktisierten digitalen Quellen-Sammlung wäre nicht möglich gewesen ohne die vielfältige Hilfsbereitschaft und Kooperation wissenschaftlicher KollegInnen und Institutionen sowie die freundliche Gewährung von Veröffentlichungsrechten. Ihnen allen sei an dieser Stelle herzlich gedankt. Ein besonderer Dank für eine über das erhoffte Maß hinausgehende Kooperation geht dabei an das Herder-Institut für historische Ostmitteleuropaforschung in Marburg mit seinen Wissenschaftlichen Sammlungen (Kartensammlung, Bildarchiv).

Für jede Quelle ist eine ausführliche bibliographische Angabe, Archiv-Signatur bzw. digitale Adresse angegeben.