Was macht einen Menschen zur Persönlichkeit? Warum werden manche Menschen noch Jahrhunderte später in Schulbüchern namentlich genannt oder sind Prototyp für einen Spielfilm-„Helden“, während so viele andere Menschen offenkundig von der Nachwelt „vergessen“ worden sind? (Manchmal, tröstlicherweise, werden sie aber auch „wiederentdeckt“.)

 

Was sind Persönlichkeiten des „Pruzzenlandes“?

Diese Fragen leiten das Thema Persönlichkeiten. Dabei werden alle Persönlichkeiten in Betracht gezogen, die im Laufe der Jahrhunderte durch Geburt, durch politisches, kulturelles oder wirtschaftliches Wirken oder auch nur durch ihre Teilnahme an einem einzelnen, aber bedeutenden historischen Ereignis eine Verbindung zum „Pruzzenland” aufweisen. Da das „Pruzzenland“ immer wieder unter wechselnder staatlicher Herrschaft stand und dadurch immer wieder neue Sichtweisen auf die Vergangenheit der Region zur Geltung kamen, war auch die biographische Hinwendung zu einzelnen Persönlichkeiten deutlichen Konjunkturen unterworfen. Die Aufmerksamkeit, mit der eine Persönlichkeit beschrieben wird, und die Eigenschaften und Handlungen, die ihr zugeschrieben werden, sagen dabei oft mehr über die Entstehungszeit eines Textes, eine Bildes oder eines Films aus als über die Zeit, in der die betreffende Person tatsächlich lebte.

Konjunkturen der Beliebtheit

Zwei Beispiele können verdeutlichen, was mit solchen Konjunkturen gemeint ist. Beim Blick auf neuere Schulbücher für das Fach Geschichte in Polen, Litauen und teilweise auch Russland fällt auf, dass Fragen der Religion, des Glaubens und der kirchlichen Institutionen eine viel größere Bedeutung zukommt als dies noch vor wenigen Jahrzehnten, in der Zeit des Sozialismus, üblich war. Folgt man diesen Schulbüchern und dem „Personal“, das sie auftreten lassen, dann bevölkerten in erster Linie Ordensritter und Bischöfe das „Pruzzenland“. Zudem werden vielseitig aktive Persönlichkeiten wie Krzysztof Celestyn Mrongowiusz, Gustaw Gizewiusz oder Kristijonas Donelaitis, die früher vor allem als Politiker und Schriftsteller charakterisiert wurden, nun  ausdrücklich auch mit ihrem Beruf als Geistliche vorgestellt.

Umgekehrt gibt es „Personal“, das heute nahezu vollständig aus Schulbüchern verschwunden ist. Dies ist besonders ausgeprägt für Deutschland zu beobachten: General Paul von Hindenburg, dem der Sieg in der Schlacht von Tannenberg 1914 zugeschrieben wurde, oder die als übermenschlich tapfer beschriebene preußische Königin Luise, die 1807 Napoleon und Zar Alexander I. in Memel Paroli bot und dadurch Preußen zu retten versuchte, waren noch in den Schulbüchern vor dem Zweiten Weltkrieg umfassend präsent. Dann aber erschien in der Bundesrepublik Deutschland spätestens seit den 1960er Jahren weder militärischer noch monarchischer Personenkult als passend. Zugleich gab es für das „Pruzzenland“ keine neuen „Helden“ mehr.

Eine Persönlichkeit – viele Deutungen

Neben wechselndem „Personal“ gibt es aber auch den Fall, dass eine Persönlichkeit kontinuierlich in Geschichtsschreibung, Schulbüchern und Erinnerungskultur präsent ist, aber mit mehrfach wechselnden Deutungen versehen wird. Ein prominentes Beispiel bietet die Darstellung von Nikolaus Kopernikus. In polnischen Schulbüchern der Zwischenkriegszeit beispielsweise wurde Kopernikus zuerst als Pole vorgestellt, der nach dem Studium im Ausland in seine Heimat zurückkehrte, dort lebte und arbeitete. Dies stand sicherlich unter dem Eindruck der nach 123 Jahren wieder erlangten staatlichen Unabhängigkeit Polens, als besonderer Nachdruck auf nationale und staatsbürgerliche Loyalität gelegt wurde. Zur gleichen Zeit stellten deutsche Schulbücher der NS-Zeit Kopernikus als herausragenden deutschen Wissenschaftler dar. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Astronom weiterhin über Jahrzehnte hinweg unter dem Blickwinkel nationaler Zugehörigkeit beschrieben – für die Deutschen als Deutscher und für Polen, aber auch für Litauer und Russen als Pole. Dabei dominierten in den Schulbüchern der sozialistischen Länder Kopernikus‘ ökonomische und soziale Tätigkeiten, insbesondere die Hilfe, die er der armen Bevölkerung gewährte, und vor allem sein Konflikt mit der katholischen Kirche. Die Darstellungen hoben Kopernikus‘  wissenschaftliche Schriften hervor, ohne zu erwähnen, dass der Astronom als Domkapitular von Ermland selbst Geistlicher war. Erst nach der politischen Wende 1989/91 wurden dann in den Schulbüchern aller vier Untersuchungsländer Kopernikus‘ weitgesteckten humanistischen, medizinischen, ökonomischen und juristischen Interessen „wiederentdeckt“, die ihn, darin ähnlich Leonardo da Vinci, zu einem Modell für den Menschen der Renaissance prädestinierten.

Noch kurz zur Auswahl „unserer“ Persönlichkeiten

Vor dem Hintergrund der vielfältigen nationalen, aber auch konfessionellen oder monarchischen oder militärischen Vereinnahmungen von historischen Personen, sollen in diesem Thema vor allem solche Menschen vorgestellt werden, die in ihrem Leben oder mit ihrem Wirken „klassische“ Grenzen überschritten haben.

Ein Projekt der Völkerverständigung

Litauen ist am Ende der 1980er Jahre noch eine Teilrepublik der Sowjetunion, steht aber schon im Zeichen von Öffnung und bürgerlichem Engagement: Ein junger litauischer Redakteur berichtet von gemeinsamen deutsch-litauischen Bemühungen um ein prominentes Denkmal – für Ännchen von Tharau, eine Balladenfigur des 17. Jahrhunderts. Quelle öffnen

Jagd auf „Roter Oktober“

Sowjetrepublik – dies war ein Status, der in Litauen nur wenigen Menschen behagte. Klaipėda mit seinem Ostseehafen bot einen schmalen Türspalt zur Außenwelt. Im Kalten Krieg, als Grenzüberschreitungen zwischen Ost und West ein brisantes und höchst politisches Phänomen waren, bot die Geschichte von Jonas Pleškys idealen Stoff für einen Bestseller und Hollywood-Film. Quelle öffnen

Aufstieg durch Bildung

Die alteuropäische Gesellschaftsordnung wird oft als statisch dargestellt. Bauern, Adelige oder Handwerker bildeten eigene Stände und vererbten diesen Status an ihre Kinder. Gab es aber nicht doch auch Aufstiegschancen? Herzog Albrecht von Hohenzollern formulierte in seinem politischen Testament von 1567 eine sehr modern anmutende Idee: Aufstieg durch Bildung, und das gerade auch für die „undeutschen Preußen“. Quelle öffnen

Kein Friedensengel

Heute ist fast in Vergessenheit geraten, dass es früher einmal einen wahren Kult um die preußische Königin Luise gab. Ein Ereignis, das diesen Kult entscheidend anfachte, hatte seinen historischen Ort im „Pruzzenland“, im Friedenschluss von Tilsit zwischen dem russischen Zar Alexander I. und dem französischen Kaiser Napoleon. Luise versuchte, auf Napoleon einzuwirken, doch vergebens. Quelle öffnen

Ein Held der Sowjetunion

Als das nördliche „Pruzzenland“ 1945 an die Sowjetunion kam, waren sowjetische Schulbuchautoren und Historiker auf der Suche nach Persönlichkeiten aus dem eigenen Land, die in der Region gewirkt hatten. Dies sollte Sinn und Bindung stiften. Der in der heutigen Ukraine geborene General der Roten Armee Ivan Danilovič Černjachovskij erschien aus mehreren Gründen als geeignet. Quelle öffnen

Rasant und nachdenklich

Und noch mehr Stoff für einen Film

Die zwei Großen

Preußen romantisch

Film-Werbung für einen Pruzzen

Übersetzer im multiethnischen „Pruzzenland“