Das „Pruzzenland“ ist eine Region mit vielen Religionen und damit ein Beispiel dafür, dass erfahrene und erlebte, wenn auch nicht immer konfliktfreie Vielfalt ein Bewusstsein von Zusammengehörigkeit bewirken kann.

 

Glaubenskämpfe

Tatsächlich steht die frühe Geschichte des „Pruzzenlandes“ erst einmal im Zeichen des Kampfes von Christen und Heiden. Nach mehreren vergeblichen Anläufen von christlichen Missionaren, darunter der später von der katholischen Kirche heiliggesprochenen Adalbert/Wojciech und Brun von Querfurt, hatten seit dem 13. Jahrhundert die Ritter des Deutschen Ordens im wortwörtlichen Sinne das Schwert in die Hand genommen, um die Pruzzen zu christianisieren.

Versöhnungen?

Vor dem Hintergrund dieser mittelalterlichen Glaubenskämpfe und vor allem auch ihrer späteren kontroversen nationalen Deutungen scheint es auf den ersten Blick recht erstaunlich, dass die Geschichte der Religionen im „Pruzzenland“ auch eine friedliche, versöhnliche Komponente enthalten könnte. In den zurückliegenden Jahren haben sich Deutsche und Polen in ihrer Sicht auf den Deutschen Orden angenähert. Demnach schlugen die Ritter nicht nur Schlachten gegen die Heiden, sondern leisteten auch einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung des christlichen Lebens im nordöstlichen Europa.

Noch erstaunlicher ist, dass die durch Martin Luthers 95 Thesen im Jahre 1517 eingeleitete Reformation, die für mehrere Jahrhunderte ein Ringen um den „richtigen“ Glauben in Europa auslöste, für die Geschichte des „Pruzzenlandes“ keine größeren Konflikte bedeutete. Nahezu das Gegenteil war zunächst der Fall: Das Herzogtum Preußen war 1525 der weltweit erste protestantische Staat, der nicht nur die Herrschaft des Deutschen Ordens ablöste, sondern auch in engen und guten Beziehungen zum katholischen Polen stand. Protestantisch wurden im „Pruzzenland“ nicht nur die deutsch- und pruzzischsprachige Bevölkerung, sondern auch die seit dem späten Mittelalter eingewanderten Siedler aus Masowien (die polnischsprachigen Masuren) und Litauen. Dagegen blieben die Bewohner eines Teils des „Pruzzenlandes“, nämlich des Ermlands, katholisch und neu hinzukamen im Laufe der Zeit Juden, altgläubige Orthodoxe wie die Philipponen oder, nach 1945 dann, Anhänger der ukrainischen orthodoxen und der unierten katholischen Kirche.

Es wäre übertreiben, ein idyllisches Zusammenleben der unterschiedlichen Religionen in der Region anzunehmen, viel häufiger handelte es sich wohl um ein Nebeneinanderleben. Phasenweise flackerten Konflikte vor religiösem Hintergrund auch wieder auf, so etwa während des „Kulturkampfes“ in Preußen-Deutschland im 19. Jahrhundert, der im katholischen Ermland sehr intensiv geführt wurde, oder nach dem Ersten Weltkrieg, als die evangelischen Masuren sich in einer Volksabstimmung (Plebiszit) lieber für Deutschland entscheiden mochten als für das katholische Polen.

Glaube heute

Dass das Nebeneinander von Religionen heute nicht mehr so konfliktreich erscheint, hat mehrere Ursachen. Erstens hat seit dem 19. Jahrhundert ein lang anhaltender Prozess der Säkularisierung eingesetzt: Religion und kirchliche Institutionen spielen nicht mehr so eine bedeutsame Rolle im öffentlichen Leben wie früher. Damit einher geht zweitens eine zunehmende Individualisierung von Religion: Glauben wird zur privaten Angelegenheit, die jeder einzelne Mensch mit sich selbst ausmacht. Schließlich kommt die gesellschaftliche Pluralisierung hinzu: Wir sind es weit mehr als früher gewohnt, dass Menschen von unterschiedler Herkunft und sozialer Stellung und mit unterschiedlichen politischen und kulturellen Ansichten in einer Gesellschaft zusammenleben.

Eine Kirche für Jäger

Kopftuchträgerinnen

Vergessene Erinnerung an den Ersten Weltkrieg

Kirchenlieder als politisches Signal

Wie erging es den Deutschen, die nach 1945 im „Pruzzenland“ geblieben waren? Der katholische Messdiener Johannes Gehrmann erzählt von den großen Veränderungen, die durch die Einführung der polnischen Sprache und der polnischen kulturellen Traditionen, aber auch des kommunistischen Systems ausgelöst wurden. Quelle öffnen

Der Weg der Bischöfe

Ein nicht ganz reibungsloses Wiedersehen

Ausreisen oder bleiben? Diese Frage bewegte viele Ermländer und Masuren nach 1945. Auch in den Kirchengemeinden entstanden darüber Spannungen und Konflikte, wie Ernst Langkau nicht nur bei seiner Ausreise in den 1970er Jahren, sondern auch bei einem erneuten Besuch im freien Polen in den 1990er Jahren bemerken musste. Quelle öffnen

Glauben leben im Kommunismus

Im sowjetischen „Pruzzenland“ war es keine Selbstverständlichkeit, seine Religion auszuüben. Es fanden sich allerdings vereinzelte, kleine Freiräume, die Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft für ihren Glauben zu nutzen wussten. Quelle öffnen

Eine kleine Kapelle in den Glaubenskämpfen der Frühen Neuzeit

Die Frühe Neuzeit war in Religionsfragen eine sehr bewegte Zeit. In einem Teil des „Pruzzenlandes“, im Herzogtum Preußen, galt seit 1525 der protestantische Glaube. Das Ermland dagegen blieb katholisch, ebenso wie Polen-Litauen, obwohl es hier zeitweise starke protestantische Einflüsse gab. Wie diese religiösen Verwicklungen vor Ort aussehen konnten, zeigt die Geschichte einer kleinen Kapelle in der Nähe von Tilsit. Quelle öffnen

Toleranz, neu belebt

Die Fronten schienen lange Zeit klar, gerade auch in Schulbüchern: Dem katholischen Polen stand seit Einführung der Reformation 1525 ein protestantisches Preußen gegenüber. Erst seit der nationale Übereifer des 19. und 20. Jahrhunderts etwas beiseitegeschoben ist, ist religiöse Toleranz wieder ein Ausgangspunkt, um die Geschichte einer Nachbarschaft in Mitteleuropa neu zu denken. Quelle öffnen

Internationale Aufbauhilfe

Fast geben sie sich gegenseitig die Klinke in die Hand: Die vielen geistlichen Würdenträger aus Deutschland, Litauen, Polen oder Weißrussland, die nach dem Ende der Sowjetunion im Gebiet Kaliningrad am Wiederaufbau von religiösen Gemeinden und Einrichtungen mitwirken möchten. Von den ersten Neuanfängen katholischer Gemeinden berichtet der litauische Priester Anupras Gauronskas. Quelle öffnen